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Wer will der Prokrastination auch den Kampf ansagen?



Bevor wir das machen, noch ein wenig Poesie von Mascha Kaléko.


Der Frost haucht zarte Häkelspitzen

Perlmuttgrau ans Scheibenglas.

Da blühn bis an die Fensterritzen

Eisblumen, Sterne, Farn und Gras.


Kristalle schaukeln von den Bäumen,

Die letzten Vögel sind entflohn.

Leis fällt der Schnee … In unsern Träumen

Weihnachtet es seit gestern schon.



Frau Kaléko, den Winter treffend formuliert. Frau Schwietzer, das Thema perfekt eingeleitet.


Der Winter steht auch für Dinge wie Kerzenschein, Gemütlichkeit, Kuscheldecken und Zimttee trinken. Das Fatale daran: Umso bequemer die Umgebung wird, desto bequemer werde auch ich.


Und schon sind wir nämlich beim Thema.


Es ist zu kalt und zu dunkel, um in den Tag zu starten. Es ist zu gemütlich, um in Gang zu kommen. Die schöne Natur lenkt davon ab, produktiv zu werden. Die Tage scheinen einfach zu kurz, um etwas zu schaffen. Nur noch einen Tee, nur noch eine letzte Ausrede und dann aber.


Denn: Wat mutt, dat mutt!


Also ran an den Selbstversuch. Den Versuch, den Winter in all seinen Facetten anzuerkennen und ein aktiver Teil davon zu werden.

Spätestens im Frühling werde ich es mir danken, wenn ich von Routine reden kann. Man sagt, es dauert dreißig Tage, bis sich eine Routine durchsetzt.


Routine, das Stichwort für meinen ersten Punkt, der beginnt, sobald die Augen geöffnet sind ...





DIE MORGENROUTINE ALS SCHUBRAKETE



Nach all den Jahren hat sich bereits herauskristallisiert, dass ich morgens am produktivsten bin. Abends treten zwar ab und an auch nochmal unerwartet ein paar Schübe ein.


Aber wir wollen ja das Feld nicht von hinten aufrollen.


Als logische Schlussfolgerung heißt das für mich: eine Stunde früher ins Bett, eine Stunde früher aufstehen. Also sofort aufstehen, wenn der Wecker klingelt.


Dafür muss ich mich schweren Herzens vom stets treuen Snooze-Button trennen. Wie heißt es so schön: Dinge die man liebt, soll man ziehen lassen. Bye Bye, Snoozey!


Hello Why. Denn das Warum ist so etwas wie der Raketenantrieb. Kenne ich mein Ziel, springt der Motor von ganz allein an. (Ab heute ist mein Ziel nicht mehr Noch 8min. - 8min. - 8Min. - 8Min.)


Ist das Ding angesprungen, muss es nur noch warm laufen. Auf Betriebstemperatur. Dafür versuche ich es mit einer anständigen Morgenroutine.



1. Gang: Der Katze folgen. Sie kennt den Weg. Der Gang in die Küche ist für sie genau so ein natürlicher Reflex wie das Atmen.


Sie gönnt sich die erste Mahlzeit, ich gönne mir ein Glas Wasser.


2. Gang: Eine Sekunde Fenster öffnen, fünf Minuten meditieren und anschließend dehnen.


Erinnert mich ein wenig an die Schule und an die Worte des Sportlehrers: ‚Aufwärmen ist das A und O. Ihr wollt doch schließlich beim Crosslauf um die Wuhle glänzen.‘ Äähhhhh.


3. Gang: Die wohlverdiente Tasse Kaffee, die wohlgepanschten Haferflocken und der aktuelle Motivationslieblingssong heben meine Mundwinkel naswärts.


Und jetzt setzt der Moment ein, wo ich mir zutiefst dankbar bin, so früh aufgestanden zu sein.


4. Gang: Selbst wenn keine Termine anstehen und es mir im Homeoffice schnurzpiepegal sein müsste, wie ich ausschaue, mache ich mich komplett fertig als wenn es mir nicht schnurzpiepegal sein dürfte.


Der Griff in die Produktivitätstrickkiste.


5. Gang: Bis hierher haben sich so einige Gedanken angesammelt.


Es ist an der Zeit, alles aufzuschreiben was mir gerade im Kopf schwirrt. Von A wie Aufgaben bis Z wie zu viele Ideen.



Mit dem Einrasten des Tempomaten kann die Arbeit beginnen. Der Routenplan stets auf der Rückbank.





DIE TO-DO-LISTE - MEINE LEBENSERHALTENDE MAßNAHME



Ich komme einfach nicht drum herum. Der ausgewogene Mix aus Gedankenwust und gottgegebener Verwirrtheit ist schuld.


Im vierten Gang alles fleißig für den Tag notiert, muss ich mir beim Blick aufs Blatt wohl ehrlich die Fragen stellen:


Bin ich gerade erleichtert oder überfordert?


Und müsste ich mir diese Frage stellen, wenn ich meine To-do-Liste strukturieren würde?


1. Die Realität sieht nunmal vor, dass ich an einem Tag nicht das schaffe, wofür mindestens zwei investiert werden müssten. Es sei denn ich nehme in Kauf, dass Qualität und Motivation darunter leiden.


Das heißt, stecke ich mir ein viel zu hohes Tagesziel und erreiche es nicht oder nur halbschön, fühle ich mich doch ausgesprochen schlecht.


Muss das sein?


2. Ich picke mir also aus meinen Wochen-To-do's realistisch do-sierte Tagesaufgaben. Das gleich in Zeitblöcken und mit einem roten Faden, um so effektiv wie möglich zu arbeiten.


Denn was bringt mir eine überschaubare Liste, wenn ich mich womöglich in einer Aufgabe verliere und für die anderen To-do's keine Zeit mehr bleibt?


Die daraus resultierende Demotivation hielte mindestens bis zum Wochenende.


3. Selbst alltägliche Dinge und Zeitfresser wie Rechnungen schreiben und Mails checken brauchen feste Zeiten. Diese nehme ich in Angriff, wenn ich eh wenig Energie habe, um etwas Kreatives zu produzieren.


Da die mentale Power im Laufe des Tages schwindet und so aus wenig Energie keine Energie wird, ist der Reset-Button unumgänglich. Es ist Zeit aufzutanken.


Ma fingr is on da button ...





RESET-TIME - SCHUBRAKETE 2.0



Zeitverschwendung? Nein.


Zeit, alles wieder ins Lot zu bringen? Ja.

Außerdem steckt hinter jeder vermeintlichen Zeitverschwendung irgendeine Form von Mehrwert.

Also, warum soll ich meine Tiefphase, die sich gewöhnlich von 14:00 - 16:00 Uhr zieht, nicht nutzen?


  • Mit TED Talks, Podcasts, YouTube-Videos und Hörbüchern hole ich mir Inspirationen und Arschtritte.

  • Der Powernap lädt die Batterien auf und verknüpft wieder alle Synapsen.

  • Jeder Spaziergang beflügelt, jede Waffel schüttet Endorphine aus.

  • Und durch das Telefonat mit den Liebsten kehre ich dem Alltag kurz den Rücken.


Zwei Stunden nur für mich, die motivieren und wahre Wunder bewirken.


Habe ich deswegen ein schlechtes Gewissen?


Das ist ein genauso langer Prozess und eine ebenso so große Herausforderung wie der nächste Punkt meines Selbstversuchs.



Randnotiz: Laut einer Studie der University of Sussex aus dem Jahr 2009 helfen selbst sechs mickrige Minuten Lesen, das Stresslevel um 68 Prozent zu reduzieren.





CHALLENGE: FÜNF-MINUTEN-REGEL



Für mich ist es schon eine Challenge, einzuschätzen, ob eine Aufgabe wirklich in fünf Minuten hineinpasst.


Entscheide ich mich dafür, werden daraus locker zwanzig Minuten. Entscheide ich mich dagegen und erledige sie später, frage ich mich hinterher 'Und wegen dieser einen Minute hast du es so lange vor die hergeschoben?'.


Mein Mailaccount bietet sich hier als hervorragendes Beispiel an. Ooohh, ihr fühlt mit mir, oder?


Würde ich die eintreffenden Mails in sofort bearbeiten, sofort löschen und dauert länger als fünf Minuten oder hat keine Prio sortieren, hätte ich nicht jedes Mal bei Öffnen des Postfachs das Gefühl, ich müsse die Wäsche einer ganzen Kita waschen.


Aber was ist mit den Dingen, die länger als fünf Minuten in Anspruch nehmen und eher der Kategorie ungeliebte oder nicht so wichtige Aufgaben angehören?


Die packe ich in einen visuellen Zeugs-Ordner, den ich mir für die Zeit nach der Erholungsphase aufhebe. Da habe ich wieder Energie getankt und gehe selbst diese Aufgaben motiviert an.



SOVIEL ZUR THEORIE.



Praktisch kann ich für mich in jedem Fall dreieinhalb gelobte Produktivitätstechniken ausschließen:


Das Trello-Board, die Promodoro-Technik oder Cafés haben sich alles andere als bewährt. Und auch Multitasking funktioniert bei mir nur, wenn ich die Wohnung putze. Da habe ich sogar das Gefühl, das Hörbuch trägt mehr Früchte als in der Bahn.


Was allerdings immer und überall für mich funktioniert, quasi mein Number-One-Tool, ist mein Notizbüchlein - hier findet jeder noch so kleine Gedanke seine Anerkennung. Sicher verwahrt und jederzeit abrufbar.